Lesen

Viel wird über das Lesen gesprochen und häufig wird befürchtet, dass junge Menschen nicht mehr viel lesen. Daran zweifele ich, denn die jungen Menschen sind sehr viel im Internet bzw. auf dem Handy am Lesen. Ich denke eher, dass sich die Art des Lesens verändert. Es werden kurze Texte in den sozialen Medien oder E-Mails gelesen. Sie lesen sehr kurze Texte und relativ wenig lange Texte. Wobei natürlich was lang ist noch definiert werden müsste. Wann habt Ihr Euch das letzte Mal Zeit genommen und mindestens drei Stunden gelesen?

Immer wieder frage ich Menschen, was sie so lesen und dann bekomme ich häufig sehr unterschiedliche Antworten. Allgemein scheint es eine Tendenz zu geben, dass Männer weniger Bücher lesen und Fachzeitschriften bevorzugen. Frauen lesen gerne Romane, die viele Seiten haben. Sie lesen oft nicht so gerne Fachliteratur. 

Nun kommt erschwerend hinzu, dass ich feststelle, dass in Fachzeitschriften die Artikel immer kürzer werden, wahrscheinlich, weil sich die Menschen nicht mehr über einen längeren Zeitraum auf einen komplexen Text konzentrieren können.

Wenn ich Bücher von Anfang des letzten Jahrhunderts, in altdeutscher Schrift, lese, fällt mir immer wieder auf, dass die Sätze sehr verschachtelt und sehr komplex sind, so dass ich sehr aufmerksam lesen muss, damit ich die Zusammenhänge erfasse bzw. verstehe. Diese Art von Texten finde ich heute nicht mehr und ich denke es liegt daran, dass unsere Zeit so schnelllebig ist, dass wir uns nicht mehr die Zeit nehmen solch komplexe Texte zu verfassen, geschweige denn uns die Zeit nähmen hinter diese Zusammenhänge zu steigen. Was wir dabei vergessen, ist, dass Texte, die kompliziert geschrieben sind und komplexe Inhalte vermitteln viel besser behalten werden als Texte die wir bloß überfliegen brauchen. Die Bilder, die  wir beim erarbeiten solcher Texte bilden, sind komplexer und härter zu erarbeiten und sind aus diesem Grunde schwieriger zu löschen.

Doch welchen weiteren Vorteil haben komplizierte und komplexe Texte? Wir brauchen Zeit sie zu durchdringen und damit sind wir beim nächsten Thema. Für diese Texte benötigen wir Zeit und müssen in die Texte eintauchen, um sie uns zu erschließen. Lesen entstresst, wenn wir über die Texte nachdenken müssen. Wenn wir Texte lesen, die komplex sind, können wir diese nicht einfach anlesen, Seiten überspringen und irgendwo weiterlesen, noch können wir mal eben den Text überfliegen und meinen ihn danach zu kennen. Komplexe Texte zwingen uns ins hier und jetzt einzutauchen. Wenn wir den Text verstehen wollen, haben wir keine Möglichkeit an gestern oder an morgen zu denken, denn wir müssen uns auf das was wir lesen konzentrieren.

Eine weitere Unsitte, die sich meines Erachtens speziell in den letzten Jahren immer mehr einschleicht, ist, dass Menschen während sie lesen oder arbeiten  Musik hören. Wenn wir neben dem Lesen mit Musik hören beschäftigt sind, sind wir abgelenkt und können uns nicht voll und ganz auf den Text den wir lesen, konzentrieren. 

Die letzten Tage habe ich einen Blog zum Thema Meditation geschrieben und erwähnt, dass Meditation hilft zu entspannen, weil wir wieder lernen uns auf eine Sache zu konzentrieren und im Hier und Jetzt zu sein. Lesen führt auf seine Weise zum selben Ergebnis, wenn wir das Lesen wieder trainieren. Das kann bedeuten, dass wir mit kurzen Lesezeiten beginnen müssen, diese mit der Zeit verlängern können und uns später an komplexe und kompliziert geschriebene Texte heranwagen können. 

Wann habt Ihr das letzte Mal ein Sachbuch gelesen? Ich meine von der ersten bis zur letzten Seite. Ein weitere Unsitte die ich beobachte. Es werden sich aus Sachbüchern Kapitel ausgesucht, die einen interessieren und der Rest wird ungelesen wieder ins Regal gestellt. Klar werden jetzt viele sagen, das ist doch total unökonomisch, doch ich sehe das anders, denn die Kapitel wurden nicht um sonst zu diesem Buch zusammengefasst. Häufig bauen die Kapitel auf einander auf. Daher ermutige ich Euch, lest mal wieder ein Sachbuch komplett durch und seid erstaunt wie viel Wissen ihr aus solch einem Buch zieht. Leider sind viele Sachbücher und auch wissenschaftliche Bücher bei Weiterem nicht mehr so komplex und kompliziert geschrieben wie vor hundert Jahren, doch denke ich, dass es einigen von Euch bereits schwer fallen wird, ein Sachbuch durchzulesen, weil es nicht in der Alltags- oder Romansprache geschrieben ist und viel mehr Konzentration bedarf.

Nun wünsche ich Euch ganz viel Freude beim Lesen.

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